20.12.2011

Die Zukunft der privaten Altersvorsorge

Wie kann man trotz Niedrigzins und Inflationsangst noch fürs Alter vorsorgen? Die Rendite der Lebensversicherungspolicen fällt 2012 weiter ab, die Einnahmen brechen weg, die Riester-Rente hat ein Imageproblem. manager magazin hat neun Experten zur Zukunft der privaten Altersvorsorge befragt - mit kontroversen und überraschenden Ergebnissen.

Hamburg - Mit rund 90 Millionen Verträgen und 750 Milliarden Euro Kapitalanlagen sind die Lebensversicherer nach wie vor der wichtigste Altersvorsorgepartner der Deutschen. Doch für die politisch gut verdrahtete Branche, deren Geschäfte über viele Jahre von der Steuerfreiheit aller Policen-Erträge und später dann von der staatlich geförderten Riester-Rente profitierten, wachsen die Bäume nicht mehr in den Himmel.

Wegen des nachlassenden Geschäfts in der Lebensversicherung muss die gesamte Assekuranz in diesem Jahr erstmals seit Jahrzehnten sinkende Beitragseinnahmen hinnehmen. Die Einnahmen der Lebensversicherer selbst werden in diesem Jahr geschätzt um knapp 6 Prozent zurückfallen.

Die Branche hat zu kämpfen: Da sie das Geld der Versicherten möglichst langfristig und zu 88 Prozent in festverzinsliche Papiere anlegt, stellt das anhaltend niedrige Zinsniveau die größte Gefahr für die Unternehmen dar. Ihre Kunden spüren das schmerzhaft. Jahr um Jahr fällt die laufende Verzinsung ihres um die Kosten verminderten Sparbeitrags. Lag die Rendite vor zehn Jahren noch bei stolzen 7,1 Prozent im Branchenschnitt, dürfte sie in 2012 erstmals in der Nachkriegsgeschichte unter die Marke von 4 Prozent rutschen. Immer mehr Anbieter schaffen nicht einmal diese 4 Prozent, manche haben ihr Neugeschäft bereits eingestellt. Bitter für die Kunden: Zugleich nagt die Inflation von zuletzt 2,4 Prozent an der Rendite der Verträge.

Steigende Verzinsungen sind wegen der Schuldenkrise in Europa die kommenden Jahre nicht in Sicht, räumen Versicherungsvorstände ein. Die Vorsorgepläne vieler Menschen, die in erster Linie auf einer Lebensversicherung aufbauten, sind damit weitgehend Makulatur. Ihre Lücke zur gesetzlichen Rente, die die private Vorsorge eigentlich schließen sollte, wächst tendenziell.

Und die Lebensversicherung verliert an Attraktivität: Der Bundesfinanzminister hat der Branche gegen den Widerstand des Versicherungsverbandes GDV für das Neugeschäft ab 2012 einen auf 1,75 Prozent abgesenkten Garantiezins verordnet, um die schwächeren Anbieter zu entlasten. Denn ihnen fällt es immer schwerer, die durchschnittlich garantierten 3,4 Prozent ihres Vertragsbestands am Kapitalmarkt zu erwirtschaften. Einzelne Versicherungsvorstände und andere Experten denken deshalb bereits offen über abgespeckte Garantiezusagen nach.

Härtere Eigenkapitalregeln werden die Wettbewerbsfähigkeit finanzschwächerer Anbieter noch verschlechtern: Denn die Versicherer müssen für risikoreichere Anlagen künftig mehr Eigenmittel zurücklegen. Damit aber würden sie in in niedrig verzinste Wertpapiere gezwungen und ihre Chancen im Wettbewerb beschnitten, monieren Kritiker. Eine attraktive Rendite sei so erst recht nicht zu erwirtschaften. Kunden dieser Anbieter drohe eine "Zweiklassengesellschaft". Soll heißen: Werden die Rücklagen knapp, müssten Neukunden künftig mit einer niedrigeren Überschussbeteiligung als Altkunden derselben Gesellschaft rechnen, deren Verträge 4 Prozent Zinsen garantieren und die der Anbieter zahlen muss.

Die Branche gerät nicht nur durch niedrige Kapitalmarktzinsen und schärfere Auflagen verstärkt unter Druck. Dass bei den Versicherten immer weniger ankomme, habe vor allem mit den hohen Kosten der Produkte zu tun, behaupten Studien immer wieder. Der zentrale Vorwurf: Viele Anbieter kalkulierten den Verkaufsschlager Riester-Rente für die Kunden nicht nur völlig undurchsichtig, sondern auch mit einer viel zu langen Lebenserwartung der Vorsorgesparer, so dass sich die Verträge erst lohnten, wenn die Versicherten steinalt werden. Die Angriffe gegen die Riester-Rente gipfelten zuletzt in dem von dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zugespitzten Vergleich, die Riester-Rente sei so löchrig wie ein "Sparstrumpf".

Jenseits des Skandals um den Versicherer Ergo hat das Image der Riester-Rente in ihrem Jubiläumsjahr auch durch die Tatsache Schaden genommen, das viele Riester-Sparer das komplizierte Zulagenverfahren offenbar nicht verstehen und nun 500 Millionen Euro staatliche Zulagen zurückzahlen müssen. Das Urteil mancher Experten nach gut zehn Jahren staatlich geförderter Altersvorsorge in Deutschland fällt nicht gerade freundlich aus. "Gut gedacht, schlecht gemacht." Sie fordern mittlerweile ganz offen einen "Systemwechsel".

Laut repräsentativen Umfragen erlahmt das Interesse an der privaten Altersvorsorge. Wie erklären Sie sich das Phänomen?

Schmidt: Der zunehmende Vertrauensverlust der Menschen durch die Finanzmarktkrise ist ein wichtiger Grund. So ist beispielsweise die "Occupy"-Bewegung Ausdruck des Aufbegehrens gegen ein als unfair und intransparent empfundenes Finanz-Establishment. Ein zweiter wichtiger Punkt ist die dramatisch unsicher gewordene weltwirtschaftliche Situation. Viele wissen einfach nicht mehr, wo und wie sie zukünftig ihr Geld anlegen sollen. Drittens ist die hohe Komplexität der Produkte und der komplizierte Förderrahmen zu nennen, der in den letzten Jahren entstanden ist. Altersvorsorge muss für den Bürger wieder transparent und einfacher verständlich werden. Ein Schlüssel dazu ist eine Vereinfachung von Produktarchitektur und Förderbedingungen.

Poweleit: Wenn private Altersvorsorge funktionieren soll, muss der "Vorsorger" über genug freie finanzielle Mittel verfügen. Dadurch könnte schon die Hälfte der Interessenten ausfallen. Hinzu kommt: Private Vorsorge erfordert auch die Fähigkeit, über längere Zeiträume voraus zu denken und eigenverantwortlich seine Zukunft selbst zu gestalten. Beides ist völlig aus der Mode gekommen. Im Trend liegt, sich auf staatliche Bevormundung zu verlassen, eben versorgt werden zu wollen.

Weinmann: Mich wundert das nicht. Papiergeld und Vorsorgeverträge haben eines gemeinsam: Sie sind ein Versprechen. Versprechen muss man trauen, und dieses Vertrauen geht seit einiger Zeit systematisch nach unten: das Vertrauen in den Euro, das Vertrauen in die Politik, das Vertrauen in die Finanzanbieter und letztendlich damit auch das Selbstvertrauen. Es gibt aber keine zweite Chance in der Vorsorge. Der Faktor Zeit arbeitet gegen den Selbstzweifel, das Verdrängen, das Verschieben und das Verzögern.

Laue: Wir bei der Debeka können kein erlahmendes Interesse feststellen. Offensichtlich haben Versicherer mit einem starken Preis-Leistungs-Verhältnis damit nicht zu kämpfen, denn Sie bieten unverändert eine hervorragende Altersvorsorge. Unser Neuzugang im Bereich der klassischen Lebens- und Rentenversicherung und auch bei der Riester-Rente ist in diesem Jahr höher als in den Vorjahren.

Kleinlein: Diejenigen die vor ein paar Jahren schon mit dem Sparen angefangen haben erkennen jetzt, dass die damals in Aussicht gestellten Renditen bei weitem verfehlt werden. Da vergeht die Lust, noch mehr zu investieren. Und diejenigen die heute einen neuen Vertrag abschließen wollen, stehen vor grundlegenden Fragen: Wie kann ich mich bei den undurchschaubaren, komplexen und intransparenten Produkten zurechtfinden? Wer kann mich neutral und unabhängig beraten? Solange die Finanzbranche nicht lernt, dass sie verständliche und rentable Angebote machen muss, wird die Altersvorsorge erlahmen.

Weber: Viele Bürger kümmern sich schon um ihre private Altersvorsorge - und dachten, damit hätten sie dieses Problem abgehakt. Jetzt müssen die Anleger leider erkennen, dass alles doch nicht so einfach ist. Die Renditen für die Anlagen sind oft geringer als ursprünglich versprochen beziehungsweise erhofft, die Gebühren sind höher als gedacht. Und dann lesen und hören die Anleger die ganze Zeit nur noch über Finanzkrisen: das kann einen nicht zur Altersvorsorge ermutigen.

Heinen: Im jetzigen Kapitalmarktumfeld ist die Stimmung der Bevölkerung in Bezug auf Sparen und Altersvorsorge sicherlich nicht die Beste - da genügt schon ein Blick auf die Parameter Renditechance auf der einen Seite sowie Inflationsrate andererseits. Dennoch ist die Erkenntnis, Vorsorge betreiben zu müssen, nicht verloren gegangen. Im Gegenteil: Beweis dafür ist die momentane Bewegung der Anleger zu Realwerten. Auch wir Versicherer verspüren diesen Trend und greifen ihn mit zunehmendem Erfolg auf. Direkt, zum Beispiel über Immobilienfinanzierungen, und indirekt über den zunehmenden Einbau von Sachwertanlagen in unsere klassischen Produkte.

Rätz: Seit einiger Zeit wird in Politik, Medien und Wissenschaft verstärkt behauptet, die private Altersvorsorge bringe höhere Renditen als das gesetzliche Rentensystem. Das kann zu einzelnen Zeitpunkten zwar sein, stimmt aber dauerhaft nicht. Im Gegenteil: In der Privatversicherung werden die Beitragsgelder einer Kapitalsammelstelle anvertraut, die sie auf den Märkten anlegt. Dafür will sie bezahlt werden und mitverdienen. Das macht das private System gegenüber dem gesetzlichen teurer, in dem die Beiträge der Versicherten unmittelbar an die Rentnerinnen und Rentner weitergeleitet werden. Zusätzlich trägt der Privatversicherte das Anlagerisiko. Jetzt in der Krise werden diese Nachteile offensichtlich, und die Menschen wenden sich von der Privatvorsorge ab. Außerdem haben viele Menschen auf Grund der negativen Einkommensentwicklung der letzten Jahre schlicht nicht das Geld, eine private Versicherung zu bezahlen.

Zschaber: Altervorsorge wird in Deutschland weiterhin überwiegend mit der altbekannten Lebens- oder Rentenversicherung gleichgesetzt. Anforderungen an eine strategische Altersvorsorgeplanung haben sich jedoch gewandelt und sind nun zunehmend die Flexibilität des Vorsorgeproduktes und die jederzeitige Liquidität des eingesparten Kapitals - Attribute, welche das starre Korsett des klassischen Versicherungskonstruktes nicht bietet. Und hierbei ist die Thematik des realen Kaufkraftverlusts durch tendenziell zunehmende Inflation noch gar nicht beachtet!

Die Kapitalmarktkrisen der vergangenen zwölf Jahre haben die Vorsorgepläne vieler Menschen zunichte gemacht, die Rentenlücke wächst tendenziell. Werden wir als Rentner noch hinzuverdienen müssen?

Weinmann: Da bin ich mir ziemlich sicher, und für meine persönliche Situation möchte ich dies mit 100 Prozent Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht ausschließen. Man denke an den Druck zum Abbau der Staatsverschuldung durch die internationalen Investoren und stelle die Verbindung zu gesetzlichen Renten und Beamtenpensionen her. Die Parlamente entscheiden über das Rentenniveau, und nur der konjunkturelle Höhenflug signalisiert momentan Entwarnung. Deshalb sollte jeder, der auf diese Systeme angewiesen ist, eigene Anstrengungen intensivieren, womit wir wieder bei der Ausgangsfrage sind.

Schmidt: Das steht zu befürchten. Gerade angesichts der demographischen Entwicklung, die ja nichts anderes bedeutet, als dass künftig immer weniger arbeitende Menschen immer mehr Rentner mitversorgen müssen. Ich kann an dieser Stelle nur allen den Rat geben: Je früher Sie Geld anlegen und je längere Laufzeiten Sie bei Ihrer Anlage noch vor sich haben, desto höher ist der Zinseszinseffekt und desto leichter lassen sich Kapitalmarktkrisen verschmerzen. Wer erst spät anfängt vorzusorgen, hat entsprechend kürzere Laufzeiten einzukalkulieren, muss deutlich mehr sparen und spürt Rückschläge viel stärker! Hier ist ein sinnvolles Zusammenwirken zwischen den staatlichen Sozialversicherungssystemen und der eigenverantwortlichen Vorsorge unabdingbar, um künftig steigende Altersarmut zu vermeiden.

Kleinlein: Ob zukünftig noch mehr Rentner im Alter hinzuverdienen müssen, ist eher eine Frage der Sozialpolitik als eine Frage der Finanzmärkte. Nur wenn die Sozialpolitik versagt, ist zu befürchten, dass die kapitalgedeckte Altersvorsorge maßgeblich die existentielle Absicherung im Alter gewährleisten muss. Dann ist aber ernsthaft zu befürchten, dass besonders in Krisenzeiten auch Rentner schwer zu leiden haben. Und das Rentnerdasein währt meist lange genug, dass man mit mindestens einer Krise rechnen muss.

Weber: Das Problem ist doch ganz einfach: ich kann nur das Geld ausgeben, das ich verdient habe - sei es Verdienst durch Arbeit oder Gewinne aus Investitionen. Das soll ja inzwischen auch für Staaten so gelten. Da ich durch Investitionen nur moderate Gewinne erwarten kann, muss ich entweder weniger konsumieren - heute weniger, dann habe ich später mehr - oder mehr beziehungsweise länger arbeiten.

Poweleit: Ich befürchte, dass wir ab 2030 die Hälfte unserer Rentner kaum noch satt bekommen. Über soziale Gerechtigkeit brauchen wir dann nicht mehr plappern.

Laue: Die demographische Entwicklung erfordert flexiblere Lösungen als bisher. Eine Kombination aus Rente und Arbeitslohn ist denkbar. Mit zunehmendem Alter muss aber das Einkommen zugunsten der Rente reduziert werden. Insgesamt sollte aber jedem Bürger klar sein, dass nur eine langfristige und sichere Altersvorsorge zu einem verlässlichen Lebensunterhalt im Alter führt.

Heinen: Dieser Behauptung möchte ich entgegentreten. Die Kapitalmarktkrisen haben den regulären Sparer oft nicht erreicht. Er ist sogar vergleichsweise gut durch diese Zeit gekommen. Betroffen sind diejenigen, die ihr Glück mit Graumarktgeschäften oder windigen Kapitalmarktkonstruktionen versucht haben. Sicherlich sind die Stichworte "Altersarmut" oder "staatliche Zuschussrente" populär. Aber da müssen wir aufpassen. Wir dürfen den Menschen nicht suggerieren, dass ohne Konsumverzicht ein gewünschtes Rentenniveau darstellbar ist.

Rätz: Seit Jahren sinkt in unserer Gesellschaft das Arbeitsvolumen, also die Zeit, die alle Beschäftigten und Selbstständigen zusammengenommen ihrem Beruf nachgehen. Die Nachfrage nach Arbeit ist hierzulande offensichtlich gedeckt. Vor diesem Hintergrund ist es unsinnig, Sicherungsstrategien auf längerer Arbeitszeit aufzubauen. Notwendig ist vielmehr ein System der Einkommenssicherung. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen für alle liegt dazu ein umfassender und gut ausgearbeiteter Vorschlag vor. Die Modelle unterscheiden sich, je nachdem, ob sie in der CDU, bei der Linken, in Attac oder von Unternehmerseite diskutiert werden, aber der Kern bleibt gleich: Jeder Mensch braucht ein Einkommen.

Zschaber: Altersarmut stellt für mich eine der erschütternsten Problematiken des sozialen Vorsorgesystems dar. Sind die derzeitigen Rentenbezieher doch diejenigen, welche durch ihren Mut und Einsatz unseren heutigen Wohlstand erst ermöglichten. Um zukünftig diesen Missstand anzugehen, halte ich es für unabdingbar, auch seitens der Politik, für mehr Aufklärung der Bevölkerung zum Thema Sparen und Kapitalanlage, beginnend schon in der schulischen Ausbildung, zu sorgen. Ungeachtet der Thematik Altersarmut - und aus etwas anderer Sichtweise definiert - erachte ich den Lebensstatus "Rentner" nicht als belastendes Element, sondern als Träger von Erfahrung und Know-how, und somit als volkswirtschaftlich gewinnbringenden Faktor.

Quelle: Lutz Reiche, Manager Magazin vom 20.12.2011

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