10.06.2014

Die richtige Mischung

Individuelle Altersvorsorge stellt aus vielfältigen Möglichkeiten das passende Portfolio
zusammen. Wie das in jeder Lebenslage klappt, zeigen unsere konkreten Rechnungen

Die richtige Mischung

Biergärten und Grillrunden – die Sommer-Urlaubszeit vor der Tür. Da wird schon mal gemeinsam vom früheren Ausstieg für immer aus der anstrengenden Arbeitswelt geträumt. Befeuert von einer Politik, die nur noch von der Rente mit 63 redet.
Egal, ob Rente mit 63 oder 67 – das Geld muss für die Träume erst mal reichen. Nur was heißt das konkret für jeden einzelnen Bundesbürger? Wie sollte seine persönliche Vorsorgemischung aussehen? Was bekommt er überhaupt vom Staat? Wie groß ist seine Lücke, die er privat kapitalgedeckt schließen muss? Wie viel kann er denn aktuell zurücklegen, ohne seine heutige Lebensqualität massiv zu vernachlässigen? In welche Produkte? Wie kann ich eigentlich Immobilien berücksichtigen? Fragen über Fragen, mit denen sich der vorsorgewillige Bundesbürger
konfrontiert sieht.
Begehrte Immobilien. Daher sollte als Erstes geklärt werden, mit wie viel gesetzlicher Rente zu rechnen ist – zu ersehen aus der jährlichen Renteninformation. Aber Achtung: Die Summe gilt nicht brutto für netto, sondern ist je nach konkretem Rentenbeginn prozentual steuerpflichtig. Wer sich erst ab 2040 in den Ruhestand verabschiedet, muss sie sogar voll versteuern. Danach gilt es, das angestrebte Versorgungsniveau im Alter zu definieren. Faustregel: Meistens kommt man mit 70 bis 80 Prozent des letzten Nettoverdienstes ganz gut hin. Wer es genauer wissen will, sollte die zu erwartenden Einnahmen den dann noch nötigen Ausgaben so detailliert wie möglich gegenüberstellen. Wer etwa später eine abbezahlte Immobilie sein Eigen nennen kann, kommt oft auch mit weniger aus. Egal, ob diese selbst bewohnt wird oder als Kapitalanlage dient. Immerhin zehn Prozent der Bundesbürger geben nach einer aktuellen Towers-Watson-Studie Immobilien als ihre wichtigste Einkommensquelle im Rentenalter an. Anschließend ist ein Kassensturz fällig, um zu ermitteln, welche Gelder aktuell für den Aufbau der Altersvorsorge überhaupt abgezwackt werden können. Neben den laufenden Haushaltskosten sind dabei auch Sonderposten wie etwa Darlehensraten für Immobilienkredite oder finanzielle Rücklagen zu berücksichtigen, falls doch mal eine größere Anschaffung anfällt, weil etwa die Waschmaschine oder der Fernseher kaputt gegangen ist. Dass nach einer Towers-Watson-Studie aber das Vorsorgesparen in der finanziellen Prioritätenliste der Befragten erst auf Platz sechs rangiert, ist dann doch sehr fahrlässig. Denn je früher das Ansparen für den Ruhestand beginnt, desto weniger Kapital ist dafür nötig. Der noch immer weithin unterschätzte Zinseszinseffekt macht es möglich. Jedes Jahr, in dem das Ansparen später beginnt, macht es teurer. Zeit ist hier wirklich Geld.
Vorsorgelösungen unter Druck. Erst wenn diese Rahmendaten feststehen, gilt es zu überlegen, wie die ermittelte Rentenlücke konkret zu schließen ist. Dabei kommt erschwerend hinzu: „Die niedrigen Zinsen sind ein Problem für alle Institutionen, die langfristig Geld anlegen", schreibt die Finanzaufsicht BaFin in ihrem neuen Jahresbericht. Worüber sich also der Immobilieninvestor freut, der auf Kredit finanziert hat, nämlich die anhaltende Niedrigzinsphase, ist Gift für alle anderen Sparer. Trotzdem sollten die sich nicht dazu hinreißen lassen, in dubiose Anlagemodelle mit ungewöhnlich hohen Renditeversprechen zu investieren. Denn: „Verbraucher müssen sich auch selbst schützen, etwa indem sie sich ausreichend informieren und ein gesundes Maß an Skepsis an den Tag legen. Jedem Anleger sollte klar sein: Es gibt einen Zusammenhang zwischen versprochener Rendite und Risiko", schreibt die BaFin weiter.
Staat beteiligen. Was bleibt dann noch an seriösen Möglichkeiten? „Wenn der Staat die Zinsen künstlich niedrig hält – und das noch längere Zeit –, dann sollten wir umgekehrt den Staat auch an unserer Altersvorsorge zwingend beteiligen", empfiehlt Frank Nobis, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP). „Ansonsten wird es immer schwieriger, die Versorgungslücke komplett zu schließen." Deshalb sei für Sparer bei der Ruhestandsplanung die staatlich geförderte Altersvorsorge stets erste Wahl. Mit doppelter Förderchance. Je nach persönlicher Situation und bereits bestehenden Sparanstrengungen können das Riester-, Betriebs- oder Basisrenten, nach ihrem Erfinder auch Rürup-Renten genannt, sein. Mit der Riester-Rente unterstützt der Staat Arbeitnehmer und deren Angehörige gleich zweifach: einerseits durch bare Zulagen direkt in den Fördervertrag, andererseits mit der bis zu 2100 Euro jährlich steuerlichen Absetzbarkeit der Beiträge. Die Betriebsrente (bAV) steht nur den jeweiligen Mitarbeitern offen und wird gefördert, indem etwa bei der häufig genutzten Direktversicherung bAV dieses Jahr bis zu 2856 Euro steuer- und sogar sozialabgabenfrei angespart werden dürfen. Mit der Rürup-Rente kann dagegen jeder Bundesbürger staatlich gefördert fürs Alter ansparen, also auch Selbstständige. Dabei sind Einzahlungen bis zu 20 000 Euro im Jahr steuerlich absetzbar. Zwar heute noch nicht in voller Höhe (2014: 78 Prozent dieses Betrags), aber jährlich darf immerhin ein steigender Prozentsatz beim Finanzamt in der Steuererklärung geltend gemacht werden. Staatszuschuss macht sich bezahlt. Ergänzend kommen dann weitere Kapitalanlagen wie etwa Aktien oder Aktienfonds zum Schließen der Versorgungslücken in Betracht. „Mit anderen Sparprodukten wie einfachen privaten Rentenversicherungen, Rentenfonds oder Festverzinslichen wird es schwierig, eine Rendite oberhalb der Inflation hinzubekommen", gibt IVFP-Geschäftsführer Nobis zu bedenken. Sein Institut hat daher für FOCUS-MONEY vier konkrete Beispielfälle durchgerechnet, die möglichst unterschiedliche Lebenssituationen repräsentieren sollen. Um die Versorgungslücken individuell zu schließen, gibt das Institut für Vorsorge und Finanzplanung konkrete Empfehlungen und zeigt ebenfalls gleich auf, was diese bringen und inwieweit das ausreicht. In zwei Fällen wurde explizit auch die abbezahlte Immobilie im Alter berücksichtigt – wodurch die Versorgungslücke kleiner wird.
Wahre Renditetreiber. Dabei erweisen sich vor allem die Förderrenten als echte Renditetreiber. Grund: die hohen staatlichen Zuschüsse. Denn gerechnet auf das vom Sparer selbst eingebrachte Kapital, ergeben sich eindrucksvolle Erträge. Und das, obwohl es sich in Form der klassischen Versicherungspolicen um sichere Investments handelt und die späteren Rentenzahlungen voll zu versteuern sind. Dennoch können die Förderrenten bei den Nachsteuerrenditen die ursprünglich ertragreicheren Aktienfonds überflügeln.
Nachvollziehbar, dass daher eine Studie des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft zu einer
zentralen Erkenntnis gelangt: „Die Politik sollte den Ausbau der kapitalgedeckten Altersvorsorge weiter unterstützen

Beispiel 1 
Die Berufseinsteigerin 
Die junge Betriebswirtin steht noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Dennoch macht sie sich schon Gedanken, wie später ihr Ruhestand zu finanzieren ist. Sie hat zwar noch kein Vermögen aufgebaut, legt aber bereits per Sparplan monatlich 30 Euro in einen Mischfonds an. Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) empfiehlt ihr darüber hinaus, jetzt auch mit dem Betriebsrenten(bAV)- und Riester-Sparen zu beginnen. Idealerweise holt sie dazu noch den Chef mit ins Boot, der ihr monatlich zehn Euro für die bAV zuschießt. Dank der staatlichen Förderung muss sie von den 100 Euro zur bAV und den 130 Euro zum Riestern aus dem eigenen Geldbeutel aber lediglich 39,37 Euro beziehungsweise 84,78 Euro zahlen. „Gerade bei jüngeren Menschen kommt der Zinseszinseffekt in der staatlich geförderten Altersvorsorge besonders stark zum Tragen", sagt IVFP-Geschäftsführer Frank Nobis. „Hier zeigt sich, dass mit Riester und bAV Nachsteuerrenditen von über vier Prozent möglich sind." Nachsteuerrendite heißt, dass bei der Berechnung die statistische Lebenserwartung sowie die später zu zahlenden Steuern bereits berücksichtigt sind. Zudem sollte die Berufseinsteigerin noch 50 Euro in einem Aktienfonds ansparen. So kann sie mit insgesamt rund 200 Euro Sparleistung ihre Rentenlücke fast vollständig schließen. Das ist bei 2003 Euro Nettoverdienst auch finanzierbar.

BEISPIEL 2 
Die junge Familie 
Den Traum von den eigenen vier Wänden verwirklichen – das leistet sich diese vierköpfige Familie. Noch fünf Jahre lang müssen sie dazu 700 Euro im Monat für das Annuitätendarlehen abzahlen. Dafür sind sie bereit, aktuell bei ihrem Lebensstandard deutlich kürzer zu treten. Auch ihr monatliches Versorgungsziel im Rentenalter beträgt nur 70 Prozent vom heutigen Nettoeinkommen schließlich wohnen sie dann mietfrei in ihrem Eigenheim. Der Ehemann hat als leitender Angestellter bereits seit 2009 eine Betriebsrente mit einem monatlichen Beitrag von 110 Euro. Und auch die Kinder werden versorgt: Ab ihrer Geburt fließen jeweils 100 Euro pro Kind in einen Sparplan, über den sie mit 20 Jahren frei verfügen dürfen. Um aber die eigene Altersvorsorge weiter aufzustocken, empfehlen die IVFP-Experten beiden Ehepartnern zunächst, jeweils eigene Riester-Verträge abzuschließen. Dabei ist die Ehefrau als geringfügig Beschäftigte selbst förderberechtigt. Zudem sollte der Ehemann seine bestehende Betriebsrente um 140 Euro aufstocken. Und schließlich werden noch 100 Euro in einen Aktienfonds investiert. Das deckt ihre Versorgungslücke zwar nur zu knapp 75 Prozent. Doch in fünf Jahren fallen ja die Kreditraten fürs Eigenheim weg. Die Hälfte des dadurch verfügbaren Betrags kann dann genutzt werden, um die noch verbleibende Lücke vollständig zu schließen.

BEISPIEL 3
Die erfahrene Selbstständige
Mit beiden Beinen fest im Leben steht die 45jährige selbstständige Architektin. Auch wenn das als Alleinerziehende mit einer neunjährigen Tochter sicher nicht immer ganz einfach ist. Daher konnte sie bisher noch kein eigenes Vermögen aufbauen und besitzt später als Selbstständige auch keine gesetzlichen Rentenansprüche. Aber immerhin bekommt sie aus dem berufsständischen Versorgungswerk der Architekten im Alter eine Bruttorente von 2000 Euro. Zusätzlich läuft bereits seit dem Jahr 2000 ein Sparplan über 50 Euro, der ihr noch knapp 210 Euro monatliche Zusatzrente bringt. Dennoch klafft bei ihrem Rentenbeginn mit 67 Jahren und dem angestrebten Versorgungsniveau von 80 Prozent eine Finanzierungslücke von fast 950 Euro. Der Tipp der IVFP-Experten: möglichst viel mit einer staatlich bezuschussten Basisrente ansparen. Denn als Selbstständige kann sie nur so von Fördermitteln für die Altersvorsorge profitieren. Von 500 Euro Bruttobeitrag muss sie lediglich 375 Euro selbst aufbringen. Und auch den ergänzenden Aktienfonds sollte sie intensiver mit 180 Euro besparen. Dafür lässt sich so aber auch ihre Rentenlücke zu 100 Prozent schließen

BEISPIEL 4
Das ältere Ehepaar
Um ihre bereits erwachsene Tochter braucht sich das 60-jährige berufstätige Ehepaar finanziell keine Sorgen zu machen. Auch die vorhandene Eigentumswohnung ist bereits vollständig abbezahlt. Zudem stehen ihnen knapp 70 000 Euro als liquide Mittel zur Verfügung. Für ihren gemeinsamen Lebensabend sind neben der hohen gesetzlichen Rente noch aus einer Betriebsrente gut 100 Euro und aus einem Mischfonds rund 80 Euro monatlich zu erwarten. Aber es ist ja auch nur noch wenig Zeit, bis in fünf Jahren der Ruhestand beginnen soll. Zur Deckung ihrer Lücke sollten sie das vorhandene Tagesgeld voll in die Basisrente investieren. Grund: „Die Basisrente eignet sich nicht nur für Selbstständige, sondern erzielt auch beim Personenkreis 50plus eine Rendite, die nach Steuern weit über alternativen Geldanlagen liegt – und das trotz einer verhältnismäßig kurzen Ansparphase", erklärt IVFP-Chef Frank Nobis. Um die Restlücke zu schließen, können sie je nach persönlicher Risikoneigung wegen ihres hohen Einkommens dann noch weitere Sparprodukte nutzen.

Quelle: Werner Müller, Focus Money vom 28. Mai 2014

Zurück