21.12.2011

Zukunft der Altersvorsorge

Hamburg - Mit rund 90 Millionen Verträgen und 750 Milliarden Euro Kapitalanlagen sind die Lebensversicherer nach wie vor der wichtigste Altersvorsorgepartner der Deutschen. Doch für die politisch gut verdrahtete Branche, deren Geschäft über viele Jahre von der Steuerfreiheit aller Policen-Erträge und später dann von der staatlich geförderten Riester-Rente profitierte, wachsen die Bäume nicht mehr in den Himmel.

Wegen des nachlassenden Geschäfts in der Lebensversicherung muss die gesamte Assekuranz in diesem Jahr erstmals seit Jahrzehnten sinkende Betragseinnahmen hinnehmen. Die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer selbst werden in diesem Jahr geschätzt um knappe 6 Prozent zurückfallen.

Die Branche hat zu kämpfen: Da sie das Geld der Versicherten möglichst langfristig und zu 88 Prozent in festverzinsliche Papiere anlegt, stellt das anhaltend niedrige Zinsniveau die größte Gefahr für die Unternehmen dar. Ihre Kunden spüren das schmerzhaft. Jahr um Jahr fällt die laufende Verzinsung ihres um die Kosten verminderten Sparbeitrags. Lag die Rendite vor zehn Jahren noch bei stolzen 7,1 Prozent im Branchenschnitt, dürfte sie in 2012 erstmals in der Nachkriegsgeschichte unter die Marke von 4 Prozent rutschen. Immer mehr Anbieter schaffen nicht einmal diese 4 Prozent, manche haben ihr Neugeschäft bereits eingestellt. Bitter für die Kunden: Zugleich nagt die Inflation von zuletzt 2,4 Prozent an der Rendite der Verträge.

Steigende Verzinsungen sind wegen der Schuldenkrise in Europa die kommenden Jahre nicht in Sicht, räumen Versicherungsvorstände ein. Die Vorsorgepläne vieler Menschen, die in erster Linie auf einer Lebensversicherung aufbauten, sind damit weitgehend Makulatur. Ihre Lücke zur gesetzlichen Rente, die die private Vorsorge eigentlich schließen sollte, wächst tendenziell.

Und die Lebensversicherung verliert an Attraktivität: Der Bundesfinanzminister hat der Branche gegen den Widerstand des Versicherungsverbandes GDV für das Neugeschäft ab 2012 einen auf 1,75 Prozent abgesenkten Garantiezins verordnet, um die schwächeren Anbieter zu entlasten. Denn ihnen fällt es immer schwerer, die durchschnittlich garantierten 3,4 Prozent ihres Vertragsbestands am Kapitalmarkt zu erwirtschaften. Einzelne Versicherungsvorstände und andere Experten denken deshalb bereits offen über abgespeckte Garantiezusagen nach.

Härtere Eigenkapitalregeln werden die Wettbewerbsfähigkeit finanzschwächerer Anbieter noch verschlechtern: Denn die Versicherer müssen für risikoreichere Anlagen künftig mehr Eigenmittel zurücklegen. Damit aber würden sie in in niedrig verzinste Wertpapiere gezwungen und ihre Chancen im Wettbewerb beschnitten, monieren Kritiker. Eine attraktive Rendite sei so erst recht nicht zu erwirtschaften. Kunden dieser Anbieter drohe eine "Zweiklassengesellschaft". Soll heißen: Werden die Rücklagen knapp, müssten Neukunden künftig mit einer niedrigeren Überschussbeteiligung als Altkunden derselben Gesellschaft rechnen, deren Verträge 4 Prozent Zinsen garantieren und die der Anbieter zahlen muss.

Die Branche gerät nicht nur durch niedrige Kapitalmarktzinsen und schärfere Auflagen verstärkt unter Druck. Dass bei den Versicherten immer weniger ankomme, habe vor allem mit den hohen Kosten der Produkte zu tun, behaupten Studien immer wieder. Der zentrale Vorwurf: Viele Anbieter kalkulierten den Verkaufsschlager Riester-Rente für die Kunden nicht nur völlig undurchsichtig, sondern auch mit einer viel zu langen Lebenserwartung der Vorsorgesparer, so dass sich die Verträge erst lohnten, wenn die Versicherten steinalt werden. Die Angriffe gegen die Riester-Rente gipfelten zuletzt in dem von dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zugespitzten Vergleich, die Riester-Rente sei so löchrig wie ein "Sparstrumpf".

Jenseits des Skandals um den Versicherer Ergo hat das Image der Riester-Rente in ihrem Jubiläumsjahr auch durch die Tatsache Schaden genommen, das viele Riester-Sparer das komplizierte Zulagenverfahren offenbar nicht verstehen und nun 500 Millionen Euro staatliche Zulagen zurückzahlen müssen. Das Urteil mancher Experten nach gut zehn Jahren staatlich geförderter Altersvorsorge in Deutschland fällt nicht gerade freundlich aus. "Gut gedacht, schlecht gemacht." Sie fordern mittlerweile ganz offen einen "Systemwechsel".

Zu kompliziert, zu teuer, zu renditeschwach - die Riester-Rente steht nach zehn Jahren stärker in der Kritik denn je. Der Wettbewerb versagt offenbar, viele Menschen sind überfordert. Braucht Deutschland eine grundlegende Reform der privaten Altersvorsorge?

Schmidt: Klares Ja. Wir haben heute eine Vielzahl von Produkten: Riester, Rürup, Kapitallebensversicherungen, betriebliche Altersvorsorgesysteme etc. Sie unterliegen alle unterschiedlichen Durchführungs- und Steuersystemen. Da blickt doch kein Anleger mehr durch. Ich plädiere für ein einheitliches Vorsorgekonto. Hier sind private Altersvorsorge, Versicherungs-, Fondssparpläne und andere Optionen zusammengefasst. Das Vorsorgekonto wird in gewissem Rahmen steuerlich gefördert und vom Anleger regelmäßig bespart. Transparenz, Vereinfachung und Verständlichkeit heißen die Leitplanken für eine zukunftsfähige Altersvorsorge.

Laue: Bezüglich der privaten Vorsorge: Nein. Zwar sollte die Riester-Rente entbürokratisiert werden, dennoch bietet sie aber genau das, was eine gute Altersvorsorge bieten muss: Lebenslange und garantierte Rentenleistungen. Genau aus diesem Grund wurde sie eingeführt. Dass auch Versicherer in schwachen Zeiten an den Kapitalmärkten keine Wunder vollbringen können, muss jedem klar sein. Dennoch ist das sichere Ansparen - auch bei einem gegenwärtig niedrigeren Zinsniveau - der einzig richtige Weg. Die gesetzliche Rentenversicherung wird jedoch durch die demographische Entwicklung ihr Leistungen deutlich kürzen müssen. Hier würde eine Reform Sinn machen.

Weber: Riester war sicherlich ein Anfang und hat das Bewusstsein für Altersvorsorge entwickelt. Eine Reform wäre jetzt wünschenswert, um bei der individuellen Altersvorsorge weiter voran zu kommen. Die Kapitalerhaltgarantie ist letztendlich aber Augenwischerei: Bei nur 3 Prozent Inflation sind 1000 Euro in 30 Jahren gerade noch 401 Euro wert - das Kapital wird eben nicht erhalten. Weiterhin ist das Zulagensystem schwer zu durchschauen - zumindest verstehe ich es bei meinem eigenen Riester-Vertrag immer noch nicht. Zusätzlich sind die Kosten der Riester-Produkte zu hoch, was auch auf den aufwändigen Vertrieb und die komplexe Verwaltung der Produkte zurückzuführen ist.

Rätz: Attac hatte von Anfang an vor der Einführung der Riester-Rente gewarnt. Es war und ist offensichtlich, dass kapitalgedeckte Systeme der Daseinsvorsorge ein zentrales Problem der Kapitalmärkte verschärfen: Sie schichten Geld zeitweise aus dem gesellschaftlichen Konsum in den Investitionsfonds um, obwohl es schon bislang eher zu wenige sichere und ausreichend profitable Anlagemöglichkeiten gibt als zuviele. Das führt zu immer riskanteren Anlagestrategien und -produkten.

Poweleit: Der Politbeamtenapparat hat mit der Riester-Rente versucht, ein Finanzmarktprodukt zu schaffen. Das konnte nur schief gehen, und es ist schief gegangen. Der Staat sollte sich aus Produktentwicklung heraushalten. Er versteht davon nichts. Er sollte sich lieber darum kümmern, seine Staatsverschuldungskrise zu lösen und die Öffentlichkeit über die wahren Dimensionen aufzuklären. Gleiches gilt für die Demografiekrise. Auch der Journalismus ist gefordert, dem Problemverniedlichungsstaat einzuheizen.

Kleinlein: Ja, wir müssen uns notgedrungen auf die Suche nach dem "dritten Weg der Altersvorsorge" machen. Der umlagefinanzierten Rente traut die Politik auf Grund der demographischen Entwicklungen nicht mehr zu, die Altersabsicherung zu leisten. Dem zweiten Weg, der kapitalgedeckten Vorsorge, mussten wir nach den letzten Untersuchungen die rote Karte zeigen, denn sie ist zu unrentabel, zu intransparent und zu unflexibel. Wir brauchen also eine dritte Alternative. Vielleicht ist das Altersvorsorgekonto, das die Verbraucherministerkonferenz vorgeschlagen hat eine Lösung: Kapitalgedeckt ansparen und die Verrentung durch Umlageelemente ergänzen.

Zschaber: In den vergangenen Jahrzehnten hat es ja bereits mehrere Reformen der privaten Altersvorsorge gegeben. Mit dem Ergebnis, dass wir jetzt viele teils undurchschaubare, unverständliche und komplizierte Vorsorgeangebote haben. Definitiv bedarf es einer grundlegenden Reform, doch sollte zudem das Blickfeld der Vorsorgemöglichkeiten auch in Anbetracht der schwachen Aktienkultur in Deutschland erweitert werden.

Heinen: Riester-Schelte ist gerade sehr en vogue aber meistens trotzdem falsch. Das belegen nicht nur wirklichkeitsnahe Renditeberechnungen - übrigens nicht nur von Seiten des GDV - sondern auch anderer Stelle. Die Grundkonstruktion von Riester, das Verrentungsprinzip, ist sehr vernünftig und schützt so manchen unvorsichtigen Sparer vor sich selbst. Wir sollten froh sein, dass diese ergänzende Säule eingeführt wurde. Über Details, beispielsweise der notwendige administrative Aufwand oder hohe Komplexität mancher Riester-Angebote, kann man sicherlich diskutieren.

Weinmann: Nein. Eine Überarbeitung reicht zunächst. Generell muss das Problem der "Teilhabe" besser gelöst werden. Damit meine ich die Partizipation der Riester-Sparer an erzielten Gewinnen beziehungsweise an betriebswirtschaftlichen Erfolgen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Lebensversicherer erzielen hohe und vor allem stetige Gewinne aus der Kalkulation der Lebenserwartung und der Kalkulation der Verwaltungskosten. Staatlich geförderte Altersvorsorge sollte für den Anbieter kein Gewinnoptimierungsinstrument sein. In diesem Bereich geht es nicht um Millionengehälter und üppige Vertriebsanreize, sondern um den gesetzlichen Auftrag zum Ausgleich von Rentenlücken.

Was halten Sie von einer "Positivliste", mit wenigen standardisierten und staatlich bezuschussten Vorsorgeprodukten in Deutschland?

Zschaber: Das entspräche in etwa dem, "schwedischen Modell". Dieses impliziert kurzum eine festgelegte "Abgabe", welche in ein staatsfondsähnliches Konstrukt investiert wird und somit zur privaten Vorsorge beitragen soll. Definitiv sind diese Ansätze begrüßenswert für die Gesamtheit der Vorsorgesparer. Jedoch stellt dies auch nur einen kleinen Baustein der Vorsorgeplanung dar. Und auch hier gilt, dass man sein Kapital aus der Hand gibt, somit Flexibilität und den Zugriff auf die Liquidität verliert - meiner Meinung nach sind dies wesentliche Merkmale für eine effektive, zielgerichtete private Vorsorgeplanung.

Poweleit: Und wer sucht die Produkte aus? Der Finanzausschuss des Bundestages? Verbraucherzentralen? Bloß nicht. Dirigismus löst keine Probleme.

Kleinlein: Nur mit einer "Positivliste" kann gewährleistet werden, dass die Angebote auch tatsächlich sowohl von Vermittlern als auch Kunden verstanden werden können. Wir haben besonders bei Versicherungen heute einen Wildwuchs an unverständlichen und auch überflüssigen Produktformen. Kaum jemand versteht zum Beispiel, was ein "dynamischer Dreitopfhybrid" oder eine "variable Annuität" sein soll. Solange die Versicherer weiterhin so stark auf intransparente Produkte setzen, ist nur eine starke Regulierung - etwa mit einer Positivliste - eine Lösung.

Weinmann: Das wäre der radikalere Schritt. So wie nach dem "Apfelsaft-Paragraph" in Gaststätten mindestens ein alkoholfreies Getränk nicht teurer zu verabreichen ist als das billigste alkoholische Getränk (§ 6 Gaststättengesetz), kann man sich vorstellen, dass die Anbieter verpflichtet werden, mindestens ein Produkt anzubieten, das auf einheitlichen Kalkulations- und Überschussgrundlagen beruht. Damit könnte echter Wettbewerb und echte Transparenz entstehen. In diesen Kontext passt, dass die Anbieter die bisherigen Produktgestaltungen, die ja auf gesetzlicher Grundlage zustande kamen, weiter anbieten können.

Weber: Viel. Die Regierung sollte den Bürger mit dem Problem der privaten Altersvorsorge nicht alleine stehen lassen. Freie Fahrt für freie Bürger, das heißt, die Förderung der Eigenverantwortung des Bürgers mit den Banken und Finanzvertrieben als Geschäftspartner, darf nicht das Ziel der Politik sein. Es spricht wenig dagegen, sich andere Länder zum Vorbild zu nehmen, die entweder selbst Produkte zur Altervorsorge kreieren, nur eine Positivliste von Produkten bezuschussen oder zumindest den Bürger klare Empfehlungen für gute Produkte geben. Aber nicht nur das: auch im jetzigen System kann man durch mehr Transparenz - etwa den Ausweis tatsächlich aller Kosten - die Entscheidungsgrundlage für den Bürger verbessern.

Heinen: Wenig. Der bestehende Wettbewerb auf dem Altersvorsorgemarkt hat hervorragende Produkte für den Kunden hervorgebracht. Eine staatliche Kanalisierung auf wenige, standardisierte Vorsorgeprodukte würde diese Vielfalt beschneiden und wäre zudem nicht ganz ungefährlich: Zu enge Vorgaben begünstigen eine Fehlallokation der Spargelder. Was, wenn es vor Jahren ein solches Produkt mit Anlagehorizont "südeuropäische Staatsanleihen" gegeben hätte? Daher mein Appell: Lassen Sie uns unsere Vielfalt bewahren. Sie kommt den Bedürfnissen der Menschen besser entgegen und sorgt für attraktive Lösungen.

Rätz: Gar nichts. Daseinsvorsorge ist öffentliche Aufgabe. Alle privaten Vorsorgestrategien sind für die Einzelnen riskant und gesellschaftlich teuer. Die Förderung privater Geldanlage in welcher Form auch immer (das betrifft auch die Betriebsrenten, die ja ebenfalls auf den Märkten angelegt werden) aus öffentlichen Mitteln muss sofort eingestellt werden. Stattdessen ist ein öffentliches System notwendig, das umlagefinanziert ist und alle Einkommen vom ersten Cent bis zum letzten Euro erfasst.

Laue: Zertifiziert wurden die Produkte der Riester- und Rürup-Rente. Diese Produkte haben sich bewährt. Wir halten daher die bisherige Regelung für ausreichend.

Schmidt: Eine Zertifizierung für einfach verständliche, kostengünstige und für die Altersvorsorge gut geeigneter Produkte halte ich für sinnvoll. Es darf aber kein Stempel sein, der nur vergeben wir, weil gewisse formale Kriterien seitens des Gesetzgebers erfüllt wurden. Neben Transparenz sollten auch Qualitätskriterien eine Rolle spielen. Vor allem muss eine Vergleichbarkeit unterschiedlicher Vorsorgeprodukte gewährleistet sein. Klare Kostenkennziffern, die wirklich alle Kosten und die Effektivrendite nachvollziehbar ausweisen, sind wichtig. Den Rest regelt der Markt, deshalb muss auch ein fairer Wettbewerb unterschiedlicher Anbieter gesichert sein

Quelle: Lutz Reiche, Manager Magazin vom 21.12.2011

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